In den vergangenen Wochen haben wir mit Steven und Thorsten über ihre Erfahrungen mit Barcamps und ihren Antrieb, einen eigenen Vortrag zu halten, gesprochen. Herausgekommen sind spannende Einsichten in die Welt eines Studenten, der sich selbst gar nicht für einen Entwickler hält, und eines Entwicklers, der seinen Job bereits seit 30 Jahren ausübt und ein ausgeprägtes Faible für Barcamps hat.

Nun wollen wir eine dritte Perspektive beleuchten: die des aktiven Community-Guys in Person von Markus Tacker. Er sieht sich selbst als Software Craftsman, der (verteilten) Teams dabei hilft, gute Software zu entwickeln – und den Weg zu diesem Ziel zu genießen.

Von Experten und Enthusiasten

Was also treibt jemanden an, der selbst bei der Organisation eines Barcamps mithilft, ein solches Event zu besuchen? Warum sind seiner Meinung nach solche Veranstaltungen in großen Teilen glaubwürdiger als Konferenzen?

Diese und einige andere Themen haben wir aufgeschnappt, als wir mit Markus gesprochen haben. Viel Spaß mit seinen sehr offenen Worten.

Wir Entwickler sind überbezahlte Klempner.


 

Markus Tacker: … ich sage ja immer, wir Entwickler sind einfach überbezahlte Klempner; dafür ernte ich immer böse Kommentare. Weil wir natürlich „Künstler“ sind und nicht Schrauber oder Klempner oder so …

… aber meistens sind wir doch Schrauber?

Markus: Natürlich, das ist ja der Punkt. Ich meine, was tun wir? Wir sorgen dafür, dass Daten von A nach B fließen. Und wie wir das tun, das haben wir uns meistens selbst angeeignet. Das hat wenig mit Kunst zu tun.

Wo haben wir uns das denn selbst angeeignet?

Markus TackerMarkus Tacker

Markus: In der Tat ist der Grund, warum man auf ein Barcamp geht: Hier bekomme ich Input in einer kurzen Form und in einem Setting, in dem ich viel flexibler bin als auf einer Konferenz. Hier gibt es mehr Angebot, und es ist schön, dass nicht der Konferenzbetreiber steuert, wer spricht. Es gibt einige Konferenzanbieter – auch im Programmierumfeld –, die bringen ihre Sponsoren auf die Bühne, um die Talks zu halten. Die Sponsoren kaufen sich also in so ein Event ein.

Hier auf dem Barcamp haben wir zwar auch Sponsoren, aber die Sponsoren können mit ihren Themen auch auf die Nase fallen. Wenn die sich auf die Bühne stellen und keinen interessieren die Themen, über die sie sprechen wollen, oder wenn ihre Präsentation schlecht ist, dann bekommen sie keine Gelegenheit, auf der Bühne zu reden. Auf einem Barcamp steuert das Interesse der Teilnehmer das Programm. Damit hat man zwar ein chaotisches Angebot, das man kaum vorhersehen kann, da die Themen und Besucher auf einem Entwickler-Barcamp ja relativ breit aufgestellt sind. Aber als Entwickler hat man die Chance, coole Themen zu finden; und vor allem Enthusiasten zu treffen, die sehr viel zugänglicher sind als bei einer typischen Konferenz mit eingeflogenen Keynote-Speakern. Auf einem Barcamp ist der Austausch viel interessanter und einfacher.

Warum haben Unternehmen dann jetzt erst Barcamps für sich entdeckt?

Markus: Na ja … das Barcamp-Rhein-Main-Team hat das Thema Barcamps 2007 aufgebracht. Seit zehn Jahren ist das Konzept in Deutschland also so einigermaßen bekannt. Und ich denke, es gibt gerade eine interessante Entwicklung.

Zum einen gibt es gerade so eine zweite Stufe der Digitalisierung. Unternehmen wie ERGO sind ein gutes Beispiel dafür: Sie haben jetzt erkannt, dass sie selbst etwas tun müssen. Sie können ihre Innovationen nicht mehr an eine Agentur outsourcen, die für die Unternehmen eine Web-Solution entwickelt, sondern sie selbst müssen einen echten Mehrwert schaffen. Denn wichtige Dinge können nur passieren, wenn sie Inhouse gemacht werden.

Unternehmen müssen auf einmal lernen, mit Entwicklern zu sprechen und ein attraktives Umfeld zu erzeugen.

Das stellt jetzt diese Unternehmen allerdings vor das Problem, dass sie auf einmal anfangen müssen zu lernen, mit Entwicklern zu sprechen und ein Umfeld zu erzeugen, das für Entwickler attraktiv ist. So ein Barcamp-Format ist dann natürlich eine gute Möglichkeit, in Kontakt mit einer Community zu treten, die man sonst nicht ins Haus bekommt. Warum sie es jetzt erst erkennen, weiß ich jedoch nicht. Das sind Konzerne, die brauchen eben ein wenig Zeit für so etwas.

Du hast das Barcamp Rhein-Main angesprochen – was war der Antrieb für dich, das zu machen?

Markus: Zum einen habe ich beim Orga-Team des Barcamp Rhein-Main gesehen, dass sie die Aufgaben nicht wegen des Profits übernommen haben. Das Orga-Team setzte sich da aus ganz vielen Unternehmen zusammen; und zwar nicht, um Werbung für ihr Unternehmen zu machen oder als Plattform für sich zu nutzen – sie haben das für die Sache gemacht. Nicht mit einem Profitgedanken, denn da steckt ein gemeinnütziger Verein dahinter, was natürlich ein wichtiges Signal für mich ist, als jemand, der ein Projekt unterstützt: Da geht es um die Gemeinnützigkeit! Dann habe ich gesehen, dass ich da helfen kann – ich kann nämlich Programmieren, ich kann mich also um deren Anmeldung kümmern.

Es ist natürlich auch cool, so viele Leute kennenzulernen. Wenn du im Orga-Team bist, dann hast du einen leichten Zugang, lernst viele interessante Charaktere kennen. Ich habe zum Beispiel den Einlass gemacht: Wenn du 400 Leuten ein Ticket in die Hand gibst, dann wünschst du auch 400 Leuten einen schönen Tag – das macht auch Spaß.

Das Barcamp ist auch ein Angebot, das eine Basis für Satelliten schafft. Für unsere Region in Frankfurt heißt das: Einmal im Jahr treffen sich da fast alle und bilden ein Netzwerk, das im Laufe des Jahres in User Groups weitergestrickt wird, die dann themenspezifisch sind. Das Barcamp Rhein-Main ist kein Entwickler-Barcamp, sondern es ist Netzkultur. Da haben wir natürlich Entwicklerthemen, aber auch Politik, Netzaktivismus, Kultur, Musik, … Das ist aber ein wichtiger Zusammenhalt, von dem die restliche Infrastruktur profitiert. Man lernt sich kennen, weiß, dass man Firmen kennenlernt, bei denen man User-Group-Treffen machen kann. Das zu unterstützen und am Leben zu halten und jedes Jahr zu organisieren, das hilft letzten Endes mir, dass ich über das Jahr verteilt ein besseres Angebot an User Groups bekomme.

Ich brauche solche Formate, weil die Unternehmen selbst nicht in der Lage sind, Fortbildung oder Zugang zu verschiedenen Themen zu gewährleisten.

Ich brauche solche Formate, weil die Unternehmen selbst nicht in der Lage sind, diese Fortbildung oder diesen Zugang zu verschiedenen Themen zu gewährleisten. Das müsste eigentlich ihre Aufgabe sein, aber sie haben einen anderen Fokus. Im Alltagsgeschäft fokussiert man sich eben darauf, wie man ein Projekt gelöst bekommt.

So gibt es zum Beispiel ganz wenige Unternehmen, die ernsthaft eine 20 Percent Time einführen, also: Jeden Freitag machen wir unser eigenes Barcamp. Ein gutes Beispiel dafür ist Sipgate, die extrem viel für diese Themen tun, weil sie erkannt haben, dass sie so wesentlich mehr Probleme gelöst bekommen. Das findet man im Rhein-Main-Gebiet quasi nirgends.

Wenn du – so wie hier beim Developer Camp – auf einem Entwickler-Barcamp bist, was sind dann die Themen, auf die du dich am meisten freust?

Markus: Ich freue mich darauf, dass mir jemand ein Thema näher bringt, der das nicht tut, weil er das Produkt dahinter verkauft, weil er der Sales Representative von Firma X ist, der mir die neueste Funktion des Produkts erklärt, sondern weil ich hier jemanden finde, der mit den Sachen von Firma X selbst Erfahrung gesammelt hat und sagen kann: Ein Teil davon ist halt Mist und funktioniert nicht, oder das braucht ihr nicht.

Zum einen habe ich also eine eher objektivere Bewertung von einem Thema. Zum anderen kann ich in kurzer Zeit viele Themen ansehen und mir dazu einen Teaser holen. Ich kann entscheiden, welche der angebotenen Themen es wert sind, dass ich sie mir danach weiter ansehe.

Ich freue mich bei einem Barcamp nicht auf ein spezielles Thema, sondern auf diese Form von Angebot.

Ich freue mich also nicht auf ein spezielles Thema, sondern auf diese Form von Angebot. Ich bekomme etwas angeteasert, ich lerne einen Experten oder einen Enthusiasten kennen, mit dem ich Kontakt bleiben kann. Und wenn ich selbst in das Thema gehe, habe ich einen Ansprechpartner. So sind viele meiner Kontakte, die ich zum Beispiel über Twitter weiter pflege, entstanden auf Konferenzen, auf Barcamps, auf Open Spaces …

Das SoCratTes, die Software Craftmanship Test Konferenz in Soltau, ist so ein Beispiel: Da haben die vier, fünf Tage Open Space, Workshops und abends zusammensitzen, wo du Leute persönlich kennenlernen kannst. Und nur wenn man diese Möglichkeit hat, Leute kennenzulernen, kann man eine Vertrauensbasis aufbauen, um bewerten zu können, was sie dir erzählen. Und so etwas ist eben auch hier auf dem Developer Camp möglich.