Vor Kurzem sprachen wir mit Steven darüber, wie er dazu kam, als Nicht-Softwareentwickler auf dem Developer Camp über sein Thema zu reden: die Laser-Fernerkundung. Jetzt möchten wir uns einer anderen Perspektive widmen.

Wir haben uns also mit Thorsten Brunzendorf, einem Softwareentwickler mit viel Berufserfahrung, über seinen Antrieb, sein Wissen auf Barcamps zu teilen, unterhalten. Außerdem wollten wir in Erfahrung bringen, was auch erfahrene Entwickler für ihre Arbeit aus so einer Veranstaltung herausziehen können. Viel Spaß also bei einem weiteren Interview aus unserer Reihe, in der wir Speaker und Besucher zu Wort kommen lassen.

Softwareentwickler … und das Verlangen nach Barcamps

Thorsten, erzähl ein bisschen über dich: Wer bist du, was machst du?

Thorsten BrunzendorfThorsten Brunzendorf

Thorsten Brunzendorf: Ich arbeite schon relativ lange als Softwareentwickler bei der ERGO Direkt. Mein Team war eines der ersten, die agil gearbeitet haben. Das war notwendig, damit wir näher am Kunden sind.

In unserem Fall ist das ein interner Kunde, der auch bei uns im Haus sitzt; wir haben dadurch gute Voraussetzungen. Früher gab es eine separate Abteilung zwischen unserem Business, unseren Anwendern und der Entwicklung. Da wurde stille Post gespielt, große Dokumente geschrieben und am Ende hat es doch nicht gepasst. Das möchte ich nicht mehr haben.

Wie lange machst du den Job jetzt schon?

Thorsten: Ich bin eigentlich seit dem Studium Softwareentwickler und habe damals auch schon nebenbei gearbeitet, also ca. 30 Jahre.

Hat sich die Softwareentwickler-Welt so entwickelt, so wie du dir das erhofft hast?

Thorsten: Ich hatte am Anfang keine Vorstellung, in welche Richtung sich das verändern könnte. Meine Stärken lagen in der Mathematik. Über viele Sachen, die man heute machen kann, wurde damals überhaupt nicht gesprochen. Das man Software überhaupt testen kann, außer dass man sagt, die Endanwender probieren es aus und melden sich schon, wenn etwas nicht funktioniert, da hatte man nichts darüber gehört.

ERGO Direkt hat ja ein anderes Betätigungsfeld, als in erster Linie Software zu entwickeln. Wie ist das Standing als Softwareentwickler innerhalb von ERGO Direkt?

Thorsten: Es hat sich schon insofern geändert, dass man nicht nur sagt, Softwareentwicklung müssen wir auch machen, sondern es ist inzwischen ein integraler Bestandteil des Geschäftsmodells, weil es ohne gar nicht mehr geht. Gerade in der Versicherungsbranche, was hat man da als Produkt? Es sind letztlich nur Daten. Von daher sind sämtliche Abläufe auch aufgrund zunehmender Automatisierung softwarebasiert bzw. softwareunterstützt.

Viel von dem Geschäfts-Know-how steckt in der Software. Dazu kommt gerade in den letzten Jahren, dass die Kunden erwarten, dass gewisse Dinge auch im Netz gehen und dadurch viele neue Aufgaben dazugekommen sind.

Was ist euer klassisches Betätigungsfeld?

Thorsten: Der Schwerpunkt ist nach wie vor Java Enterprise, zumindest von den Backends her. Das begann Anfang 2000, ich war einer von zwei Entwicklern, die 1999 eine Java-Schulung bekommen haben. Wir sind gleich in die Fortgeschrittenen-Schulung gegangen, weil Objektorientierung kannten wir ja schon. Es hat aber eine ganze Weile gedauert, bis das auch in der Breite gewachsen ist.

Was zieht dich dann auf ein Barcamp, wo man doch eher davon ausgehen kann, dass sich weniger Leute aus dem Java-EE-Umfeld rumtreiben?

Thorsten: Ich bin eigentlich relativ breit aufgestellt, im Java-EE-Umfeld tut sich nicht mehr so viel, es ist doch eher gesettled. Prinzipiell interessiert mich die ganze Wertschöpfungskette. Ich will nicht nur technisch interessante Sachen machen, es soll auch einen Nutzen haben. Es soll jemand davon profitieren, und ich möchte mitbekommen, dass jemand davon profitiert. Ich möchte aber auch mitbekommen, wenn etwas noch nicht taugt. Was mich eher abturnen würde, wäre ein reiner Feature-Factory-Entwickler, der irgendetwas über den Zaun geschmissen bekommt und sein Zeug wieder über den Zaun schmeißt.

Du sagst, dass du sehen willst, dass andere von Vorträgen profitieren … woher kommt das?

Ich habe “The Pragmatic Programmer” gelesen und mich gefragt, warum wir das nicht machen.

Thorsten: Ich hab schon immer viel gelesen und mich schlau gemacht. Was mich vom Mindset ein bisschen geändert hat, war das Buch “The Pragmatic Programmer“, das ich Anfang der 2000er Jahre gelesen hatte und mich bei der Lektüre gefragt hatte: Wieso machen wir das eigentlich nicht?

Das ist mehr in Richtung technische Praktiken, was eigentlich auch Common Sense ist, wie Versionskontrolle. Viele Sachen, die man damals gar nicht gemacht hat, etwa Tests. Relativ parallel habe ich das Buch von Kent Beck gelesen “Extreme Programming Explained: Embrace Change“.

Es hat aber dann noch etwas gedauert, bis wir das wirklich gemacht hatten. Ich hatte da aber sehr viel Input in die Richtung über die Jahre und daher schon etwas darauf hingearbeitet.

Was ich auch sehr wichtig finde, dass man auch Engineering-Praktiken hat. Die brauche ich auch neben dem agilen Vorgehen, Scrum zum Beispiel ist mehr eine Projektmanagement-Vorgehensweise. Das kann man schön machen und die tollen Praktiken einhalten und die wenigen Artefakte, die es da gibt, erzeugen. Manche sagen, „die Rituale einhalten“. Das nützt aber nichts, wenn da nicht gleichzeitig Engineering-Praktiken dazukommen. Bei uns war es beispielsweise so, dass wir eine sehr gute Basis hatten.

Ich habe mich sehr viel mit Testen, Unit-Testen, Entwicklertesten beschäftigt, war da auch ein bisschen ein Vorreiter. Ich denke, da haben wir sehr gut vorgearbeitet, eine sehr gute Basis gehabt, um mit als erstes Team richtig Scrum zu machen.

Ich bin dadurch auch mit dem Thema Software Craftsmanship in Kontakt gekommen, wo der gegenseitige Austausch ein wichtiger Punkt ist. Ich bin deshalb schon häufiger auf Open Space Konferenzen gewesen und bin ein Gründungsmitglied der Nürnberger Regionalgruppe der “Softwerkskammmer”.

Wenn du das Developer Camp Revue passieren lässt, was hast du für dich mitgenommen?

Thorsten: Ich finde so ein Barcamp immer erst mal von der Atmosphäre her sehr spannend, weil man viel mehr mit Leute ins Gespräch kommt. Du hast in der Regel kleinere Gruppen, mehr Interaktion, egal, ob man an einer Session als “Zuhörer” beteiligt ist oder als Session-Host. Das ist, was ich sehr gerne mag. Ich fühle mich in großen Gruppen auch eher unwohl, bin eher introvertierter. Das heißt, ich bin eher in der Lage, besser zu kommunizieren und für mich was rauszuziehen, wenn es in kleineren Gruppen passiert.

Hast du ein spezielles Thema gesehen, von dem du sagst, dass es sich dafür gelohnt hat, zu kommen?

Thorsten: Ich habe mir dieses Mal relativ viel zum Thema JavaScript angehört, weil ich von der Java-Ecke herkomme. JavaScript ist daher eher eine Fremdsprache für mich. Wir machen seit gut anderthalb Jahren bei uns im Team auch ein bisschen Webanwendungen, obwohl die Inhouse genutzt werden. Das wurde früher nicht so gerne gesehen, da ändert sich die Welt auch so ein bisschen. Daher ist es schon wichtig, ein besseres Gefühl zu kriegen und verschiedene Ansätze kennenzulernen, weil es ja ein sehr dynamisches Umfeld ist. Ich setze mich dem bewusst aus, um da einfach mehr mitzubekommen.

Du hast drei Sessions gehalten …

Thorsten bei seiner Session zum Thema Mutation Testing

Mutation Testing mit Thorsten

Thorsten: … ja, die hatte ich online bereits vorgeschlagen. Ich hätte auch noch eine längere Liste gehabt, was mich alles an Themen interessiert.

Eine Session war jetzt eher technischer. Da ging’s um Mutation-Testing. Das Thema kenne ich vom Prinzip her schon länger, hatte es aber bis vor vielleicht acht Wochen noch nie ausprobiert. Ich wollte es dann mal selber machen, um mir ein Urteil zu bilden und nicht nur darüber zu reden. Auf der einen Seite hatte ich es dann tatsächlich bei mir in der Firma ausprobiert, um herauszufinden, kann man das wirklich produktiv einsetzen und wo hat es eventuell noch Grenzen, wie fühlt sich das an?

Auf der anderen Seite – das hat ein bisschen Arbeit gekostet – habe ich ein Testprojekt gemacht und auf GitHub geschoben und eine Mini-Präsentation mit ein bisschen technischem Background dazu aufgebaut. Aber das war im Grunde genommen auch nicht so aufwändig. Es war ganz cool, es waren einige Leute da, alles hat soweit geklappt, und es gab sehr gute Diskussionen dazu. Ich hatte danach noch einen Teilnehmer getroffen, der meinte: “Ich hab das gestern gleich bei mir im Projekt ausprobiert, das hat tatsächlich sofort funktioniert. Zu ein paar Details hätte ich noch Fragen, wie gehst du damit um? Wenn da beispielsweise gewisse Mutationen nicht ‘getötet’ werden, was hast du da für Erfahrungen?” So kommt man näher/mehr ins Gespräch.

Es ist mir sehr wichtig, dass man sich von Mensch zu Mensch begegnet, in Kommunikation kommt und einen Erfahrungsaustausch macht.

Häufig assoziiert man ja auch mit Entwicklern, die sitzen irgendwo in einem dunklen Keller an ihrem Rechner, haben am liebsten nur die Maschine als Gesellschaft. Mir ist da auch sehr wichtig, dass man sich von Mensch zu Mensch begegnet, in Kommunikation kommt, einen Erfahrungsaustausch macht, der sehr häufig sonst ein bisschen auf der Strecke bleibt.

Fließt das Feedback, das du bekommst, auch in dein Arbeitsleben mit ein? Machst du dir dann auch schon mal Gedanken zu den Fragen, die man dir stellt?

Thorsten: Auf jeden Fall. Zum einen habe ich eine Theorie, ein Modell, eine Vorstellung zu irgendetwas. Ob das jetzt valide ist oder um einige Aspekte noch erweitert werden sollte, erkenne ich durch solche Fragen natürlich. Manchmal kann man das Ganze verwerfen, ist vielleicht doch keine so gute Idee. Kann man machen, aber dann hat’s auch bestimmte Konsequenzen. Das ist dann auf jeden Fall wichtig.

Fragen ist auch so ein Thema. Letztendlich sprichst du damit auch ein bisschen weiche Themen an, die häufig zu kurz kommen, aber eine ganz große Rolle spielen. Softwareentwicklung ist letztendlich eine Sache, die Menschen machen – immer noch – und wenn etwas schiefgeht und man genau hinguckt, ist es dann doch meistens ein Problem der Menschen in irgendeiner Form. Meine Session, die ich über das Thema “Fighting Fear Driven Development“ gehalten habe, ging in diese Richtung.

Wenn du heute noch mal als Softwareentwickler anfangen würdest, was hättest du dir rückwirkend betrachtet gewünscht? Worauf hätte man dich vorbereiten sollen?

Thorsten: Gute Frage. Vielleicht bin ich Entwickler geworden, weil ich etwas introvertierter bin, weil ich gerne mit formalen Dingen arbeite und auch gut darin bin. Das ist natürlich wichtig, aber es kommt auch auf ganz andere Dinge an, darauf muss man sich auch einlassen und schauen, dass man sich darin auch verbessert: Mit Leuten umgehen, Probleme ansprechen, offen sein, Fehler zugeben – Das lernt man nicht im Studium.

… das ist auch ein bisschen Firmenkultur, die gelebt werden muss.

Thorsten: Ja, klar. Das ist auch so ein Thema. Wenn die Kultur, im Extremfall gesprochen, eine Angstkultur ist, dann wird es schwierig, gegen das System zu arbeiten. Es gibt ja den Spruch, dass die Kultur immer mit großer Verzögerung dem erlebten Verhalten folgt. Auf der anderen Seite kommt es auch viel auf diese Vorbildgeschichten an, wie wird beispielsweise öffentlich miteinander umgegangen?

Thorsten, danke dir für das Interview.

… und ihr so?

Natürlich interessiert uns eure Meinung: Wo seht ihr als Softwareentwickler / Softwareentwicklerin (oder auch in ganz anderen Positionen) den Vorteil von Barcamps? Was zieht ihr aus den Vorträgen anderer? Und was treibt euch an, euer Wissen zu teilen?

Verratet es uns in den Kommentaren. Wir sind schon gespannt auf euer Feedback.